Menschlichkeit statt Grenzen

Eine persönliche Begegnung beim Deutschen Katholikentag über Menschlichkeit, interreligiösen Dialog und die Frage, wie friedliches Zusammenleben zwischen Muslim und Christ wirklich aussehen kann.

Ich werde nicht die ganze Geschichte hinter diesem Bild erzählen, sondern vielmehr, was dieses Bild für mich bedeutet und welche Erfahrungen ich gestern dadurch gemacht habe.

Die Frau neben mir heißt Schwester Judet. Sie ist Nonne und — soweit ich verstanden habe — eine der Leiterinnen ihrer Gruppe. Zum ersten Mal begegnete ich ihr in den ersten Tagen des Deutschen Katholikentags. Jeden Morgen um genau 7:00 Uhr sah ich sie in der Jugendherberge sitzen.

Als ich angekommen bin, war ich voller Energie und Neugier — und ehrlich gesagt bin ich das immer noch — besonders wenn es darum geht, neue Religionen, Kulturen und Perspektiven kennenzulernen. Was mich sofort faszinierte, war ihre Kleidung und ihre ruhige Ausstrahlung. Jemanden morgens um sieben in einer Nonnenkleidung zu sehen, während alle anderen noch halb verschlafen waren, hatte irgendwie etwas Friedliches.

Also ging ich eines Morgens mit meinem Kaffee zu ihr und fragte:
„Entschuldigung, darf ich mich hier hinsetzen?“

Es war ein langer Tisch mit genug Platz für viele Menschen. Ihre erste Antwort war jedoch:
„Eigentlich erwarte ich noch meine Kolleginnen.“

Ein paar Sekunden später — vielleicht weil sie die Enttäuschung in meinem Gesicht bemerkte — lächelte sie und sagte:
„Wissen Sie was? Es ist okay. Sie kommen sowieso erst gegen acht.“

Also setzte ich mich zu ihr. Oder vielleicht ehrlicher gesagt: Ich lud mich selbst ein, und sie hieß mich willkommen.

Ich stellte mich vor:
„Mein Name ist Ragab Kamal, ich komme aus Ägypten und bin Doktorand in Marburg.“

Sie stellte sich als Schwester Judet aus der katholischen Kirche vor.

Ich erzählte ihr, dass ich Muslim bin und mich sehr für den interreligiösen Dialog zwischen Muslim:innen und Christ:innen interessiere und dass ich gemeinsam mit anderen Studierenden über die Goethe-Universität Frankfurt zum Katholikentag eingeladen wurde.

Für einen kurzen Moment wurde sie still und antwortete nur:
„Gut.“

Wir begannen über Ägypten, Religion, Reisen und das alltägliche Leben zu sprechen. Irgendwann sagte ich scherzhaft, dass sie wahrscheinlich nie in Ägypten gewesen sei, weil Ägypten „zu orthodox“ sei. Sie erklärte mir daraufhin, dass sie als katholische Nonne für Reisen eine Erlaubnis brauche und dass ihre Verantwortung innerhalb der Kirche sie momentan sehr beschäftige.

Dann sagte ich:
„Aber Jesus war doch auch in Ägypten.“

Sie schaute überrascht und fragte:
„War er das?“

Ich erinnerte sie an die Geschichte von Maria und Jesus, als sie nach Ägypten flohen, während Jesus noch ein Kind war. Sie lächelte und sagte:
„Heute erzählen die Menschen vieles. Manche sagen, Jesus war in Spanien, andere sagen, er war in Indien. Am Ende verändert das den Glauben selbst nicht.“

Und vielleicht hatte sie recht.

Später erzählte ich ihr, dass ich einen Gottesdienst besucht und sogar an der Kommunion teilgenommen hatte. Ich erklärte ihr, dass ich dies respektvoll und ehrlich erleben wollte. Als sie das hörte, war sie sichtbar überrascht und sagte sofort:

„Bitte erzählen Sie das nicht einfach jedem. Nicht alle würden das gut finden.“

Sie erklärte mir, wie tief und heilig die Kommunion im katholischen Glauben sei und dass selbst viele Katholik:innen nicht leichtfertig daran teilnehmen.

Dann sagte sie etwas, das mir bis heute im Kopf geblieben ist:
„Ob Sie daran glauben oder nicht — jetzt ist Jesus in Ihnen.“

Ich antwortete vorsichtig, dass es auch innerhalb islamischer spiritueller Traditionen Gedanken darüber gebe, dass Gott im Menschen gegenwärtig sein könne. Deshalb konnte ich irgendwie nachvollziehen, was sie meinte.

Und trotz all dieser Unterschiede blieb unser Gespräch friedlich, respektvoll und voller Lächeln.

Am nächsten Morgen ging ich wieder um 7:00 Uhr zu ihrem Tisch. Dieses Mal begrüßte sie mich direkt mit einem warmen Lächeln. Wir sprachen über Würzburg, die Veranstaltungen, Kirchen und den Katholikentag. Sie zeigte mir sogar Broschüren und lud mich ein, ihre Veranstaltungen zu besuchen, falls ich Zeit hätte.

Am dritten Tag ging ich bewusst nicht zu ihrem Tisch, weil er schon voller Menschen war und ich nicht stören wollte. Doch später begegneten wir uns zufällig in der Stadt.

Zu meiner Überraschung begrüßte sie mich mit einer unglaublich herzlichen Umarmung und sagte:
„Ich habe mich heute Morgen schon gefragt, wo Sie waren.“

Ich erklärte ihr, dass ich sie gesehen hatte, aber nicht stören wollte.

Dann fragte ich sie, ob wir zur Erinnerung ein gemeinsames Foto machen könnten, und sie freute sich ehrlich darüber.

Und irgendwie ist mir diese kleine menschliche Begegnung stärker im Gedächtnis geblieben als viele offizielle Vorträge oder Diskussionen.

Gleichzeitig musste ich an einen muslimischen Kollegen aus Ägypten denken, mit dem ich früher gearbeitet habe. Er ist ein sehr konservativer Muslim und kritisiert mich oft dafür, wenn ich positiv über Christ:innen schreibe oder meinen christlichen Nachbar:innen zu religiösen Feiertagen gratuliere. Immer wieder schickt er mir Links und Beiträge, in denen behauptet wird, dass so etwas haram — also verboten — sei.

Und ehrlich gesagt finde ich das traurig.

Denn wenn man in Europa lebt — oder irgendwo auf der Welt — dann ist friedliches Zusammenleben keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Integration bedeutet nicht nur Sprache, Dokumente oder einen Pass. Integration bedeutet auch, zu lernen, mit Menschen friedlich zu leben, die anders sind als man selbst.

Wenn deine Nachbar:innen eine andere Religion, Kultur oder Weltanschauung haben, macht sie das nicht automatisch zu deinen Feinden.

Solange dich niemand verletzt — warum solltest du andere verletzen?

Für mich ist Integration etwas zutiefst Menschliches. Sie ist wichtig für den eigenen inneren Frieden, für die eigene Würde und für die Fähigkeit, ehrlich mit sich selbst und anderen zu leben.

Und das gilt nicht nur für Europa.

Auch in Ägypten leben Christ:innen neben uns. Menschlichkeit sollte nicht wegen theologischer Unterschiede verschwinden.

Man muss nicht denselben Glauben teilen, um anderen mit Respekt, Freundlichkeit und Würde zu begegnen.

Um friedlich zusammenleben zu können — egal ob in einem muslimischen oder christlichen Land — müssen wir zuerst lernen, einander als Menschen zu sehen.

Vielen Dank an alle, die mit Interesse lesen und offen bleiben – das bedeutet mir wirklich viel. Teilt gerne eure Gedanken und Erfahrungen – ich freue mich auf den Austausch! 🙂 Ma’assalama ( Auf wiedersehen) 🌙✨


P.S.: Der Text wurde von einer KI korrigiert, aber der Inhalt wurde von mir selbst verfasst, Ragab Kamal Abouhalima, Doktorand an der Philipps-Universität Marburg.

 

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